Gott gebe mir keine Berühmtheit nicht!
Neulich hat ein gelehrter Herr Professor aus Berlin bei mir angefragt, wie ich eigentlich schaffe. Er legte einen großen, an Fremdworten reichen Fragebogen bei. Ich verstand das meiste nicht und warf Brief und Fragebogen weg. Jeden Tag bekomme ich jetzt Briefe und Briefe. In vielem steht eitel Lob für mich, d. h. besonders für mein Buch „Wir sind Gefangene“. Ich lese so etwas gerne und – wie man so sagt – der Kamm schwillt mir, was für ein Mordskerl ich bin. Auch die vielen Rezensionen über meine Bücher lese ich alle. Sie freuen mich, ob sie schimpfend oder gut sind, alle. Überhaupt – es ist wirklich wunderschön, wenn man so langsam beliebt wird bei der hochverehrlichen Leserschaft. Aber, aber, ich habe doch mehr Angst als Freude. Nämlich, ich male mir insgeheim immer aus, was das doch für eine schreckliche Sache sein muß, wenn einer einmal tatsächlich „berühmt“ ist. Dieser Gedanke verfolgt mich geradezu. Berühmt nämlich, das muß so sein: Du bist auf einmal nicht mehr für dich, nicht mehr allein, kannst nichts mehr tun und lassen, was dir eigentlich gefällt. Überall umlauert dich eine Meute von Gaffern, Photographen, Zeitungsschreibern und Leuten, die, sobald sie etliche Worte mit dir gesprochen haben, bei ihren Bekannten und allen nächst besten Leuten erzählen, was du tust, wie du dich schneuzt, wie du ißt, rülpst, schläfst und was für dummes Zeug du zusammenredest. Schrecklich, schrecklich!
Ich habe erst neulich wieder angstvoll an diese – hoffentlich bei mir nie eintretende – Eventualität denken müssen. Nämlich bei Hindenburgs achtzigstem Geburtstag, Herrgott, dachte ich, wie ziehen sie doch diesen bedauernswerten, alten Mann herum. Herrgott, was treiben sie mit diesem „Berühmten“ doch für einen Unsinn! Und ich habe mir daraufhin dessen Gesicht wieder sehr, sehr genau angesehen. Er ist – für mich – offen gestanden, ewig grantig, ewig so seltsam ernst, weil in jeder Ecke jemand drauf lauert. Und ich habe mir neulich von einem Verwandten im Gebirge, der den alten Mann während seines Ferienaufenthalts einmal sprach, erzählen lassen, was dieser berühmte Achtzigjährige in einem unbeobachteten Augenblick fragte. Er schnaufte auf und tat jenen Stoßseufzer: „Gott sei Dank, jetzt sieht mich doch einmal keiner!“ Freilich, gesehen hat ihn doch einer und weitererzählt, wie man sieht, ist´ s auch worden, was er geseufzt hat. Wem so etwas gefällt, der arbeite auf einen Ruhm hin. Ich verdrücke jetzt schon das schnelle Bücherschreiben, wenngleich mir ´s leucht von der Hand geht. Ich habe wirklich eine große Angst vor der Zukunft, denn ich glaube beinahe, daß ich der „Berühmtheit“ entgegentreibe. Mein Gott, was läßt sich denn dagegen auch tun! Das geht schon so, wie ich´ s einmal in einem meiner Bücher schrieb. Da erzähle ich die wahre Geschichte von einem Bauernknecht, dem plötzlich die leuchten Erfolge seiner Person bei der holden Weiblichkeit auffallen. Und der alsdann durch seine „Liebe“ ins Verderben rennt. Er meditiert solchermaßen: „So ist ´s schon mit diesen Gelüsten, zuerst ist´ s sehr schön, es tut dir alles wohl, auf ein einmal sitzt du richtig im höllischen Schlamm.“
Ja, so wird es sicherlich mit dem „Berühmtsein“ auch sein. Wie gesagt, ich bange diesem Zustand entgegen. Und ich werde es dann machen, wie mein seliger Vater, der ehrsame Bäckermeister Max Graf aus Berg am Starnberger See, von dem ich die ganze Weisheit, die in meinem kleinen Hirn ist, habe. Als er alt war, wurde er grantig und hatte Tage, an denen er am liebsten keinen Menschen gesehen hätte. Und da ging er – der der feiner genervte Leser möge mir verzeihen – ohne eigentlichen Drang sehr oft in den Abtritt. Jedesmal dann, wenn er herauskam, sagte er mit der ihm eigenen griesgrämigen und doch wieder heiteren Art: „Gott sei Dank, es gibt doch no ´a Fleckl auf der Welt, wo di ´koana siehcht und wo´ st du koan o´schaugn brauchst.“
Ich wüßte wirklich nicht, was ich, sollte mich unser Herrgott mit „Berühmtheit“ heimsuchen, anderes tun sollte als das, was mein seliger Vater schon getan hat. Und der war doch gewiß nicht berühmt; aber immerhin, mir scheint es, als sei sein Mittel das richtige. Ja, werden meine Leser fragen, warum schreibt denn der Kerl dann Bücher? Warum – und ich denke, daß sie so denken – spekuliert er denn dann auf Berühmtheit und Gelesenwerden und Anerkennung?
Ja, sehen Sie, eigentlich kann ich nur das Erzählen nicht lassen. Und – ich hoffe ja, daß trotzdem recht viele meine Bücher kaufen – und, ja und ohne Schmus und ohne beschönigende Bescheidenheit, am liebsten wär´ s mir, ich säße mit all den Leuten täglich beisammen, die ich in meinen Büchern schildere: Mit vielen Arbeitern und Bauern, die ich kenne.
Die nämlich lesen keine Rezension und nichts, was man sich über mich erzählt, sie sagen bloß, wenn ich ihnen ein Buch von mir gebe und mit ihnen, nachdem sie ´s gelesen haben, drüber rede: „Oskare, dös host wieder schö g ´macht!“ Oder auch: „Bazi, windiga, do host üns wieda richti dableckt!“Jeder Mensch hat Trümmer Hoffart und Trümmer Eitelkeit in sich. Warum sollt´ ich anders sein. Wenn es schon sein muß, so möchte ich zum Schluß auch noch die zwei Äußerungen hersetzen, die mich wirklich am meisten freuen.
Mein langjähriger Freund und Schulkamerad Johann Treutterer, Ökonom aus Kempfenhausen am Starnberger See, hat nach der Lektüre meiner Bauernbücher (wirklich, er las sie alle, weil ich ihm sagte, es wären da drinnen verschiedene „Bekannte“ richtig derbleckt!) zu mir gesagt: „Jetz bist doch in oan furt in da Stodt drinn, Oskar! I woaß´s gor net, wiast du ois bei üns Baurn herauß ´n so gnau wissen konnst?....Du bist dir scho a rechta Saubazi.“Und der Willy Schneider, ehemalig in München Waggonlackierer und jetzt vermöglicher Dekorationsmalermeister in Rio de Janeiro, schrieb neulich einen langen Brief über „Wir sind Gefangene“ und über „Wunderbare Menschen“. Da hieß es drinnen: „Ich habe gerad gemeint, wir sitzen wieder beisammen. lieber Oskar. Ein Bazi bist du schon gewesen, das kennt man, wenn man deine Lebensgeschichte liest, aber so genau wie du die damaligen Zeiten erzählt hast! Ich habe direkt gemeint, ich stehe wieder mitten drinnen. Bei den „Wunderbaren Menschen“ habe ich lachen und weinen müssen. Es war doch eine schöne Zeit. Und schreib mir, was ich schuldig bin....“
Kann man mehr verlangen, als daß einer sogar soviel Anstand hat und fragt – von so weit her fragt – was er schuldig ist! Sela.