Brief an den Papst

Die Furcht vor einen neuen Krieg, die Angst vor der Anwendung der Atomwaffen und das Unkalkulierbare der Hochrüstung, die geradezu naturgesetzlich zu einer neuen Vernichtungswelle führen müsse, bewogen Graf zu einem dramatischen Schritt: er schrieb einen Offenen Brief an den Papst. Er bestätigte damit noch einmal seine lebenslange Bindung an die katholische Kirche, die er als Hort einer kulturellen Tradition und – für ihn selbst – als Anlaß der Provokation nicht missen wollte. Obwohl er selbst nicht kirchenfromm war, sah er sich im Bannkreis des Katholizismus, einer natürlichen und selbstverständlichen Religiosität. Es entbehrte nicht einer unfreiwilligen Ironie, dass er sich ausgerechnet an den Papst wandte, hatte ihn doch der Erzähler des Romans „Die Erben des Untergangs“ am Schluß zu einer Art Sektenführer verkleinert, der gegen die Kirchenlehre rebelliert und in Südamerika Getreide züchtet. Die Hinwendung zum Oberhaupt der katholischen Kirche zeigt die Resignation des späten Graf über die Politiker und ihre Handlungen.
Der Brief wurde von Graf an viele Freunde und Bekannte verschickt, aber er blieb, wenn man sein publizistisches Echo bedenkt, ganz und gar erfolglos. Nur sechs Drucke sind verzeichnet, wobei die Veröffentlichung des Textes in den „Frankfurter Heften“ (21. Jg., H. 10, Oktober 1966) auf eine Initiative Heinrich Bölls zurückging. Eine Diskussion des Briefes fand nicht statt, eine Reaktion aus dem Vatikan ist nicht bekannt. Der Versuch, noch einmal ein publizistisches Echo zu finden wie 1933 mit dem Protest „Verbrennt mich!“, war fehlgeschlagen. Der Wortlaut:
Offener Brief an Ihre Heiligkeit, Papst Paul VI.
Im Namen Ungezählter meinesgleichen, die Tag und Nacht in zermürbender Angst und hoffnungsloser Ohnmacht dahinleben, appelliere ich in der höchsten Gefahr, in welcher sich unsere Menschenwelt befindet, an Eure Heiligkeit und bitte inständig um Hilfe. Dazu ermutigen mich die nie erlahmenden, unbeirrbaren Bemühungen Eurer Heiligkeit, die Christenheit aller Kontinente und Nationen zu vereinigen. Vor allem aber klingt mir immer noch die oftmals wiederholte flehentliche Beschwörung Eurer Heiligkeit vor den Vereinten Nationen im Ohr: „Nie wieder Krieg! Nie wieder Krieg!“ Gleich mir haben Millionen wahrhaft Friedliebender in tiefer Ergriffenheit diese göttliche Mahnung mitangehört, und ein leichter Hoffnungsschimmer erhellte ihre bedrängten Herzen. Doch die Machthaber der Welt blieben taub. Aus diesem Grunde bitte ich Eure Heiligkeit das biblische Gebot „Du sollst nicht töten!“ erneut und mit allem Nachdruck zur strengen, unabdingbaren Verpflichtung für jeden einzelnen Gläubigen zu machen und im Vatikan dahin zu wirken, dass jeder
a)      der für eine Kriegserklärung verantwortlich ist
b)      jeder, der an Kriegshandlungen teilnimmt und
c)      jeder, der wissentlich an der Herstellung und Perfektion von nuklearen Vernichtungswaffen mitarbeitet,
unnachsichtig die kirchliche Exkommunikation zu erwarten hat.
Nur Eure Heiligkeit als Stellvertreter des alleinigen Gottes auf Erden hat die Macht, diese heilsame Maßnahme zu ergreifen. Niemand kann Eure Heiligkeit daran hindern. Nicht nur die Millionen der Gläubigen, auch das Gewissen der gesitteten Welt steht auf Ihrer Seite! Nur so wird wieder wahr und wirksam werden der gewaltige Prophetensatz: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Nur so wird die Kirche Petri zum Friedenstifter der Welt! Nur so wird sie zum dauernden Segen für die heimgesuchten Völker!

New York, den 3. Juni 1966.

In: Wilfried F. Schöller: Oskar Maria Graf. Odyssee eines Einzelgängers. Texte Bilder Dokumente. Frankfurt am Main/Wien (Büchergilde Gutenberg) 1994, S 437 f.

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