Brief an Gustav und Else Fischer (1959)
Warum haben wir Menschen nie den Mut, uns über alles hinwegzusetzen und unserer Natur, unserem Wesen nachzugehen – ach, da muß man verdienen, da muß man die Zeit ausnutzen, da muß man den Haushalt führen, da muß man Bücher aus Eitelkeit schreiben, da muß man Gott weiß was planen, vorausdenken, einteilen und befürchten, und zum Schluß steht man da in einer unendlichen Leere und weiß nur, man hat fast sein ganzes Leben sinnlos vertan, statt eben zu leben...Es ist nämlich gar nicht wahr, was – weiß Gott, aus welchen Absichten das geschieht – man allerorten schreibt und schreit und philosophiert und uns partout glauben machen möchte, nämlich, daß uns alle die Angst vor dem Atomkrieg so niederhält. Es ist die Angst vor uns selber, die uns nicht zum Leben kommen lassen will, es ist das Eingesponnensein in tausend lächerliche Dinge, die uns von Kind auf mitgegeben worden sind, es ist die tiefe unausrottbare Lebensfeigheit, die uns alle so unglücklich macht, so unfrei, so schauerlich gefangen im Alltäglichen. Uns bestimmt ja der Nachbar, die Umgebung, die eingeführte Moral viel mehr, als der gute Marx gemeint hat. Er war ja nur ein oberflächlicher Hegelianer, und er selber ist ja nur in seine Ideen geflüchtet, wie wir alle, um nicht selber leben zu müssen. So machens ja jetzt die meisten, die nicht mehr weiterwissen: Sie gehen nämlich nicht in sich, sie flüchten in den Katholizismus, in die Psychoanalyse...In der Flucht in irgend etwas Glaubens- oder Vernunftähnliches, in „Ideen“ versuchen wir einen Halt zu bekommen und verlieren dadurch das eigene Leben. Leben, leben muß man, meine ich, leben und sonst nichts. So einfach klingt das und keiner kann’s!...
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