Sehr
geehrter Herr Rechtsanwalt,
was mich angeht, so dürfte ich in der Angelegenheit Oskar M.
Grafs zunächst die Überzeugung in die Waagschale legen,
daß er
als Mensch wie als Schriftsteller von den reinsten und humansten
Absichten erfüllt ist. Ihn selbst zu sprechen, ist mir leider
nur sehr selten vergönnt gewesen; als ich ihn zuletzt sah (es
mag im Januar gewesen sein), hatte ich den Eindruck, daß er,
aller politischen Betätigungen
abgeneigt, in seinen künstlerischen Arbeiten lebe. Irgendwie
tätig
in das öffentliche Geschehen einzugreifen, mag ihm damals schon
durchaus ferngelegen haben, wie ja auch sein Name unter keinem der
Aufrufe zu finden ist, die unter der Räteregierung die Aufmerksamkeit
auf sich gezogen haben. Oskar M. Grafs einziger Versuch, sich an
die Menge zu wenden (in jener Versammlung vom Anfang Dezember 1918)
verrät, wie sehr der Weg rein menschlicher Verständigung
seinem Ideale entsprach; er hat es nicht wieder unternommen, diesen
Weg öffentlich zu empfehlen, aber gewiß hat er im Kreise
seiner Freunde in diesem Sinne gewirkt, und es genügt wohl,
ihn einige Male gesehen zu haben, um zu wissen, daß er sich
dafür opfern könnte, Gewalt zu verhindern, eher als daß er
imstande wäre, eines jener Mittel zu empfehlen, mit denen der
Terror arbeitet. Zum Schluß möchte es mir wohl verstattet
sein, die Wichtigkeit, die ich seiner künstlerischen Produktion
zuschreibe, recht ausdrücklich hervorzuheben: ich wünsche
von Herzen, daß dieser ernste und begabte junge Schriftsteller
recht rasch seiner Tätigkeit wiedergegeben und einer Lage entzogen
sei, in die ihn nur ein völlig verkennender Irrtum gestürzt
haben kann.
Empfangen Sie, Herr Doktor, den Ausdruck meiner größten Hochachtung:
Rainer Maria Rilke
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